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17.08.2018

Ausbildung 4.0

  • Ein Tablet mit der Aufschrift

Wie reagieren Gewerkschaften auf die Digitalisierung in der Ausbildung?

Ausbildung 4.0, Industrie 4.0, Arbeit 4.0: Längst übernehmen Systeme und Programme die Aufgaben von Menschen, die geglaubt haben, ihre Arbeit sei von der Digitalisierung nicht betroffen, weil eine Maschine nie einen Menschen ersetzen kann.

Aber viele von uns erledigen ihre Überweisungen nicht mehr am Bankschalter, sondern ganz bequem von zu Hause, online. Im Call- und Service-Center-Sektor wird immer mehr auf computerisierte Sprachberatung gesetzt. Selbstfahrender Nahverkehr und auch die Postzustellung via Drohne, selbst automatisierte Medikamentenabgaben sind ebenfalls keine Zukunftsvisionen mehr.

Dies sind nur wenige Beispiele aus dem Dienstleistungssektor, und natürlich ist davon auch massiv die Ausbildung betroffen. Viele Ausbildungsberufe sind nicht zukunftsorientiert: Wenn man nach den Ausbildungsordnungen geht, sind zwar Inhalte beschrieben, die eine zukunftsorientierte Ausbildung ermöglichen, in der Praxis wird jedoch für das Heute und nicht für das Morgen ausgebildet.

Dadurch besteht massiv die Gefahr, dass ein Auszubildender, der diesen Sommer seine Abschlussprüfung absolviert hat, bereits in zehn Jahren wenig bis gar keine Inhalte seiner Ausbildung mehr brauchen kann und sich neu orientieren muss. Wer da nicht den richtigen Riecher hat und flexibel ist, wird große Probleme bekommen.

Viele Betriebe sehen die Auszubildenden als günstige Arbeitskraft und interessieren sich nicht für deren Zukunft. Es gibt zwar in großen Betrieben Interessenvertretungen und Regelungen, die den Fokus auf Zukunftstrends richten, aber eigentlich müsste dies umfassender geschehen. Der Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt wird in den nächsten Jahren massiv wachsen, und die Jugend von heute wird am härtesten davon betroffen sein.

Aber: Lernen und Arbeiten in der digitalen Arbeitswelt bietet auch unglaubliche Möglichkeiten. Es ist einfacher als je zuvor, global vernetzt zu sein, miteinander zu arbeiten und zu kommunizieren.

Auch bei der Qualifizierung und Weiterbildung eröffnen sich neue Optionen. Für eine Vorlesung muss man nicht am Veranstaltungsort sein; sogar Fragen können live via Stream gestellt bzw. beantwortet werden. Und dort, wo du früher kiloschwere Bücher geschleppt hast, reicht heute ein Notebook oder Tablet. Dokumente können direkt geteilt und von mehreren Personen zeitgleich bearbeitet werden.

Archivierung ist kein Thema mehr. Gut denkbar, dass es in den nächsten Jahren eine Vielzahl von neuen Ausbildungsberufen gibt, an die wir jetzt noch gar nicht denken.

Und: Ausbildung 4.0 heißt auch Gewerkschaft 4.0. In einer digitalen Arbeits- und Ausbildungswelt wird uns vor allem die Einhaltung von Regelungen interessieren, die wir auf gesetzlicher, betrieblicher und tariflicher Ebene erstritten haben. Wie soll man den Jugendschutz überwachen, wenn die Menschen nicht mehr an einem Ort greifbar sind?

In einer Welt, in der viele von zu Hause arbeiten, müssen wir uns auch neue Strategien zur Mitgliederwerbung überlegen. Sowohl die Mitgliederansprache als auch Maßnahmen im Arbeitskampf müssen überdacht werden: Wie treten wir in Zukunft als Gewerkschaft auf und wie bleiben wir mit unseren Mitgliedern vernetzt?

Das werden vor allem die Themen der Gewerkschaftsjugenden werden. Solidarität ist gefragt und eine gute Vernetzung innerhalb des DGB. Voneinander und miteinander lernen und sich gemeinsam auf die Zukunft vorbereiten, lautet unsere Agenda.

ver.di-Mitglied Oskar Michel war lange JAV-Vorsitzender und ist jetzt Betriebsratsmitglied.