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30.03.2017

Vollzeit zufrieden in der Teilzeitausbildung!

  • Foto: Antonio Guillem, Shutterstock.com

So lassen sich Familie und Ausbildung besser vereinbaren

Ihr seid jung und habt ein Kind oder pflegt Angehörige? Kein Grund, auf eine gute Ausbildung zu verzichten! Mit der Teilzeitausbildung könnt ihr im Beruf bleiben und bekommt für eure Ausbildung eine Vergütung.

Das Kind ist krank, die Kita zu und Oma Irmi schon wieder auf der Flucht… Wenn die Herausforderungen von Familie und Berufsausbildung zusammenkommen, wenn ihr junge Eltern seid oder Angehörige pflegt, bleibt oft kaum noch Zeit zu atmen.

Knappe Zeit und knappe Kräfte können dabei auch die Wahl der Ausbildung beeinflussen oder einen Abschluss verhindern. Das muss nicht sein: Es gibt die Teilzeitausbildung und zwar in allen Ausbildungsberufen des dualen Systems!

Seit 2005 ist die zeitlich flexible Teilzeitausbildung im Berufsbildungsgesetz (BBiG) verankert. Von diesem Modell profitieren Auszubildende und auch Unternehmen:

  • Junge Eltern haben dank der reduzierten wöchentlichen Arbeitszeit mehr Zeit für ihre Kinder.
  • Unternehmen erschließen sich das Potential einer hochmotivierten und verantwortungsbewussten Zielgruppe und sichern so ihren Fachkräftenachwuchs.

Für wen ist eine Berufsausbildung in Teilzeit möglich?

Ihr könnt eure Ausbildung in Teilzeit machen, wenn ihr ein „berechtigtes Interesse“ habt. Und wenn man davon ausgehen kann, dass ihr euer Ausbildungsziel trotz kürzerer Zeit schafft.

Ein „berechtigtes Interesse“ liegt vor, wenn ihr als Auszubildende ein eigenes Kind betreut, einen Angehörigen pflegt oder vergleichbare schwerwiegende Gründe (z. B. eine Behinderung) vorliegen (§ 8 Abs. 1 BBiG).

Die zwei Varianten der Teilzeitausbildung

  • Gleichbleibende Ausbildungszeit: Seid ihr noch keine 18 Jahre alt, verkürzt sich eure wöchentliche Arbeitszeit. Eure gesamte Ausbildungszeit verlängert sich dabei jedoch nicht. Ihr arbeitet in diesem Fall mindestens 25 Stunden, wobei die Berufsschulzeit auf eure Arbeitszeit angerechnet wird. (Für Volljährige ist noch offen, wie die Schulstunden angerechnet werden.)
  • Verlängerte Ausbildungszeit: Wollt ihr weniger als 25 Stunden pro Woche arbeiten, müsst ihr hinnehmen, dass sich eure Ausbildungszeit um maximal ein Jahr verlängert. Die Regelung der Gesamtarbeitszeit ist jedoch vom Einzelfall abhängig. Erkundigt euch für genaue Infos bei eurer Interessenvertretung oder zuständigen Stelle. Oder gerne bei eurer ver.di Jugend vor Ort.

ACHTUNG: Eure Berufsschulzeit könnt ihr bei keiner Variante verkürzen, ihr müsst den Unterricht also komplett und in Vollzeit besuchen!

Rechtliches

Den rechtlichen Rahmen für die Ausbildung findet ihr im BBiG. Darin regelt § 8 die Verkürzung und Verlängerung der Ausbildungszeit:

(1) Auf gemeinsamen Antrag der Auszubildenden und Ausbildenden hat die zuständige Stelle die Ausbildungszeit zu kürzen, wenn zu erwarten ist, dass das Ausbildungsziel in der gekürzten Zeit erreicht wird. Bei berechtigtem Interesse kann sich der Antrag auch auf die Verkürzung der täglichen oder wöchentlichen Ausbildungszeit richten (Teilzeitberufsausbildung).

(2) In Ausnahmefällen kann die zuständige Stelle auf Antrag Auszubildender die Ausbildungszeit verlängern, wenn die Verlängerung erforderlich ist, um das Ausbildungsziel zu erreichen. Vor der Entscheidung nach Satz 1 sind die Ausbildenden zu hören.

(3) Für die Entscheidung über die Verkürzung oder Verlängerung der Ausbildungszeit kann der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung Richtlinien erlassen.

Gut zu wissen

Ihr könnt eure Ausbildung auch dann an eure aktuelle Situation anpassen, wenn ihr sie schon begonnen habt. Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) empfiehlt, die Ausbildungszeit nicht auf weniger als 25 Stunden pro Woche zu kürzen (Ha-Empfehlung 129/2008).

Wenn ihr mindestens 75 Prozent der Regelarbeitszeit arbeitet, was in der Regel sechs Stunden pro Tag bedeutet, verlängert sich eure Ausbildungszeit grundsätzlich nicht. Die Anwesenheitspflicht in der Schule könnt ihr aber wie gesagt nicht kürzen.

Urlaubsanspruch und Vergütung

Natürlich habt ihr Anspruch auf Urlaub und Vergütung, auch als Teilzeit-Azubis! Euer Urlaubsanspruch richtet sich nach der Anzahl der festgelegten Arbeitstage. Wenn ihr z.B. fünf Tage in der Woche im Betrieb bzw. in der Berufsschule seid, bleibt euer voller Urlaubsanspruch bestehen.

Problematisch ist die Vergütung, denn die ist nicht gesetzlich geregelt. In der Praxis wird sie manchmal anteilig gekürzt – zu eurem Nachteil. Wollt ihr eure Ausbildungskräfte überzeugen, haben wir zwei gute Argumente für euch:

  1. Die Vergütung der Ausbildung gilt ohnehin nie als Arbeitsentgelt, sondern immer als Unterstützung, damit ihr eure Ausbildung machen könnt.
  2. Die Sonderform der Teilzeitausbildung soll euch in einer besonderen Lebenssituation helfen.

Wenn das nicht überzeugt und falls ihr mit einem niedrigeren Gehalt nicht über die Runden kommt, unterstützt euch in der Ausbildungszeit der Staat. Informiert euch und stellt rechtzeitig die entsprechenden Anträge!

Übrigens: Mitglieder bekommen kostenlose Rechtsberatung von ver.di – und auch Rückendeckung, wenn sie ihre Rechte geltend machen wollen!

Alle Infos bei eurer JAV!

Wenn eine Teilzeitausbildung genau das Richtige für euch ist, schaut bei eurer JAV vorbei. Sie vertritt die speziellen Interessen von Auszubildenden in Betrieben und Dienststellen. Auch und gerade im Fall einer Teilzeitausbildung ist sie also eure Partnerin. Sie berät euch, wie ihr am besten vorgeht, um optimale Ausbildungsbedingungen zu bekommen.

Aber nicht nur das:

  • Die JAV weiß auch, wie euer Ausbildungsvertrag genau aussehen muss. Die Besonderheiten eurer Teilzeitberufsausbildung müssen nämlich unter „sonstigen Vereinbarungen“ vertraglich festgehalten werden.
  • Die JAV wirkt auf Betriebsvereinbarungen hin und bestimmt damit die Regeln in eurem Betrieb oder eurer Dienststelle mit.
  • Die JAV kontrolliert, ob das BBiG eingehalten wird, dass ihr also z. B. keine Überstunden macht oder dass eure Teilzeitregelung eingehalten wird. Stellt sie fest, dass gegen geltendes Recht oder Vorschriften verstoßen wird, muss sie sich zunächst an den Betriebs- bzw. Personalrat wenden. Der fordert dann die Einhaltung der Rechte beim Arbeitgeber ein. Betriebs- und Personalrat bestimmen übrigens auch mit, wenn euer Arbeitgeber generell nur noch verkürzt ausbilden will.
  • Die JAV entscheidet bei der Einstellung mit und achtet dabei auf Gleichberechtigung. Ihr habt also sehr gute Chancen, mit eurem „berechtigten Interesse“ eure Wunschausbildung machen zu können.

Also: Ab zu eurer JAV oder zu uns vor Ort – wir wünschen eine erfolgreiche Ausbildungszeit!

Eure ver.di Jugend