03.01.2013

Der Deutsche Qualifikationsrahmen

  • Schülerinnen und Schüler am PC

Bewertung und Vergleichbarkeit deutscher Qualifikationen in Europa

Mit dem Deutschen Qualifikationsrahmen wird ein umfassendes, bildungsbereichsübergreifendes Profil der in Deutschland erworbenen Kompetenzen vorgelegt. Als nationale Umsetzung des Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen soll er die Besonderheiten des deutschen Bildungssystems berücksichtigen – und zur angemessenen Bewertung und Vergleichbarkeit deutscher Qualifikationen in Europa beitragen.

Im Oktober 2006 hatten sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Kultusministerkonferenz darauf verständigt, gemeinsam einen Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) für lebenslanges Lernen zu entwickeln und die relevanten Akteure und Akteurinnen an diesem Prozess zu beteiligen. Daneben wurde auch beschlossen, eine breite Fachöffentlichkeit in die Diskussion einzubeziehen.

Mehr Entwicklungspotential für Angestellte
Nach einer langen Ruhepause ist der DQR jetzt wieder verstärkt in den Fokus gerückt. Der Qualifikationsrahmen geht in die heiße Verhandlungsphase und wird nun Thema für alle Beschäftigten.

DQR-Angaben, die ab 2013 auf allen Zeugnissen stehen sollen, bewerten Bildungsabschlüsse in acht Stufen. Das soll die jeweilige Qualifikationsstufe gegenüber potentiellen Arbeitgebern besser widerspiegeln und dadurch Angestellte innerhalb der EU mobiler machen.

DGB-Vize Ingrid Sehrbrock sieht im DQR bessere berufliche Entwicklungsmöglichkeiten für Beschäftigte. Nach den jüngsten Beschlüssen erhalten beispielsweise Meistertitel im Handwerk und Bachelor jeweils die sechste Stufe. Wie auch in einigen anderen Bereichen stellt hier der DQR also berufliche und akademische Ausbildung auf dieselbe Ebene.

Zusätzlich entspricht nun die berufliche Erstausbildung bei zweijährigen Berufen der Stufe drei und bei drei- und dreieinhalbjährigen Berufen der Stufe vier. „Dieses Ergebnis stärkt das deutsche System der beruflichen Bildung“, kommentiert Sehrbrock das Verhandlungsergebnis, "es ist jetzt möglich, die höchste Stufe zu erreichen, ohne die Hochschule auch nur einen Tag lang von innen gesehen zu haben."

Konfliktpotentiale: Abitur und Stufe sieben
Andreas Schackert vom DGB-Jugend-Projekt "Students at work" sieht die Nicht-Aufnahme des Abiturs in den DQR kritisch: "Der Streit ums Abitur hat die Einigung viel zu lange hinausgezögert. Dass es nun nicht in den DQR aufgenommen wurde, ist eine verpasste Chance.“ Als positiver Schritt zur besseren Vergleichbarkeit von Qualifikationen in Europa wurden jedoch nun immerhin Meister und Bachelor gleichgestellt.

Ebenfalls diskutiert wurde über den im September 2012 beschlossenen Leitfaden für die Zuordnung einzelner Qualifikationsprofile und über die darin enthaltene Stufe sieben. Der zuständige Arbeitskreis DQR umfasst neben Bund und Ländern auch Arbeitgeber, Gewerkschaften und Hochschulen und hatte bisher einheitlich auch berufliche Fortbildungsprofile auf Niveau sieben einsortiert. Die Hochschulrektorenkonferenz hatte diese Bewertung zwischenzeitlich angezweifelt, doch letztlich wurden sich die Parteien doch noch einig.

Hermann Nehls, Grundsatzreferent für berufliche Bildung beim DGB-Bundesvorstand, stimmt diese Einigung zuversichtlich: „Damit ist klar, dass mehr beruflich Qualifizierte den Stufen fünf bis sieben zugeordnet werden können. Wie das geschehen soll und vor allen Dingen nach welchen Kriterien – darüber gibt es noch Gespräche. Aber ich sehe gute Chancen, dass wir auch die Hochschulen von der Qualität der Betriebswirte und Betriebswirtinnen, Berufspädagogen und Berufspädagoginnen überzeugen können.“

Nehls weist in dem Zusammenhang auf ein aktuelles Gutachten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hin, dass die Bedeutung der Fortbildungsprofile für Betriebswirtschaftler_innen hervorgehoben hat: „Diese Studie ist sehr hilfreich, um die besondere Qualität der Aufstiegsfortbildung auch auf Niveau sieben zu begründen.“

Gewerkschaften gestalten mit
Ein weiterer wichtiger Punkt sind so genannte non-formale und informelle Kompetenzen, die außerhalb von Bildungs- oder Berufsbildungseinrichtungen erworben wurden. Bei diesen Qualifikationen, beispielsweise durch Praxiserfahrung oder Privatkurse angeeignet, macht die Europäische Union jetzt Druck. Nach einer Empfehlung der EU-Kommission sollen ab 2015 alle Bürgerinnen und Bürger das Recht auf Anerkennung solcher Fähigkeiten erhalten. Dazu ist nun auf Bundesebene eine Expertengruppe im Einsatz, bei der auch Gewerkschaften beteiligt sind. „Dieses Thema wird die Bildungspolitik der Bundesrepublik in naher Zukunft erheblich beeinflussen“, prognostiziert Nehls.

Und auch bei der weiteren Entwicklung des DQR zeigen sich die Gewerkschaften engagiert. Denn es ist unklar, welche Dynamik der Deutsche Qualifikationsrahmen auslösen wird. Wird er die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsbereichen fördern? Wird die Gleichwertigkeit zwischen allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung gestärkt? Diese Themen sind für Beschäftigte von großer Bedeutung. Deshalb müssen sich Gewerkschaften in den Prozess einmischen und gestalten schon heute mit – für gute Zukunftsperspektiven in Deutschland und Europa.

Weiterführende Informationen zum Thema liefern die Webseiten des DQR und des Bundesinstituts für Berufsbildung.

19.12.2012

Weniger Ausbildungsplätze – trotz angeblichem Fachkräftemangel

  • "Wortwolke" zum Thema Fachkräftemangel und Ausbildungsqualität

BIBB verzeichnet deutliche Verschlechterung am Ausbildungsmarkt

Im Vergleich zum Vorjahr ist in 2012 die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 3,2 Prozent auf 551.300 zurückgegangen. Zurzeit sind 76.008 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz und halten sich mit Bewerbungstrainings, Einstiegsqualifizierungen und Praktika über Wasser.

Die Situation hatte sich in den vergangenen Jahren etwas entspannt. Der zunächst positive Trend auf dem Ausbildungsmarkt ist jedoch laut einer Analyse des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im Jahr 2012 ins Stocken geraten.

Ursachen für den Rückgang
Als Gründe für das sinkende Ausbildungsplatzangebot sieht das BIBB insbesondere:

  • die im Lauf des Jahres 2012 nachlassende Konjunktur
  • das geringere Angebot betrieblicher Ausbildungsplätze (10.000 weniger)
  • den Abbau des außerbetrieblichen Ausbildungsplatzangebots (minus 4.600)

Aber auch die Ausbildungsplatznachfrage ist rückläufig. In 2012 haben sich nur noch rund 627.300 Menschen für einen Ausbildungsplatz beworben. Das sind 14.200 weniger als im Vorjahr. Dieser Rückgang ist maßgeblich auf die demografische Entwicklung zurückzuführen, denn in Deutschland gibt es immer weniger Jugendliche.

Ausbildungschancen unverändert schlecht
Da es mit sinkendem Ausbildungsplatzangebot gleichzeitig eine geringere Nachfrage gab, sind die Ausbildungschancen der Jugendlichen insgesamt nahezu unverändert geblieben. In 2011 standen für 100 Bewerberinnen und Bewerber rein rechnerisch 93,4 Ausbildungsplätze zur Verfügung, in diesem Jahr sind es 93,2.

Rückgänge in Angebot und Nachfrage haben dazu geführt, dass bundesweit in diesem Jahr lediglich 551.300 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden – 18.100 Verträge weniger als in 2011. Seit der Wiedervereinigung gab es lediglich 2005 einen ähnlich niedrigen Wert.

Wunsch und reales Angebot zu weit auseinander
Die sinkenden Zahlen neuer Ausbildungsverträge lassen sich auch durch die deutlich seltenere Übereinstimmung von Angeboten und Wünschen erklären. Sowohl regional als auch beruflich lassen sich Ausbildungsplatzangebote der Betriebe nur noch schwierig mit den Ausbildungswünschen der Jugendlichen zusammenzuführen. So nahm die Zahl der noch unbesetzten Stellen um 3.600 auf insgesamt 33.300 zu – ungeachtet des insgesamt sinkenden Ausbildungsplatzangebots.

Vor allem im Handwerk wurde händeringend nach Auszubildenden gesucht. 10.500 Ausbildungsplätze blieben in dieser Branche unbesetzt. 2009 gab es hier lediglich 4.700 ungenutzte Ausbildungsplätze.

Ausbildungsqualität schützt vor Fachkräftemangel
Die größten Herausforderungen für die zukünftige Sicherung des Fachkräftenachwuchses sind sowohl die negative demografische Entwicklung als auch die enorme Differenz zwischen den Vorstellungen beider Seiten – Ausbildungsanbieter wie Ausbildungsplatzsuchende. Für Betriebe bedeutet das nicht zuletzt, dass sie ihre Ausbildungen besser und attraktiver gestalten müssen.

Ohne eine faire Ausbildungsvergütung ist beispielsweise ein Wechsel in eine andere Stadt kaum möglich, Miete und Lebenshaltungskosten müssen schließlich durch die Ausbildungsvergütung bezahlbar sein. Wenn Betriebe und ganze Branchen Probleme mit der Besetzung von Ausbildungsplätzen haben, müssen sie also eine angemessene Vergütung bezahlen – gerade im eigenen Interesse der Fachkräftesicherung.

Hier geht es zur Pressemitteilung des BIBB über die Entwicklung des Ausbildungsmarkts in 2012.

23.05.2013

Chancengerechtigkeit im Bildungswesen

  • Hans-Böckler-Stiftung - Fakten für eine faire Arbeitswelt

Gewerkschaftliche Studienförderung von der Hans-Böckler-Stiftung

Wer in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen will, kann sich während des Studiums von der Hans-Böckler-Stiftung fördern lassen. Auch alle, die auf dem zweiten Bildungsweg einen höheren allgemeinbildenden Schulabschluss erreichen wollen, bekommen bei der gewerkschaftsnahen Stiftung eine Chance.

Bildung für alle – dieses gesellschaftliche Credo wird durch die derzeitige Bildungspolitik nicht einmal für diejenigen verwirklicht, die sich für die Gesellschaft stark machen wollen. Auch von Chancengerechtigkeit im Bildungswesen kann angesichts früher sozialer Auslese und neu eingeführter Studiengebühren kaum die Rede sein.

Bei diesen Hürden setzt die Hans-Böckler-Stiftung (HBS) an und hat sich die soziale Öffnung der Hochschulen und Universitäten auf die Fahne geschrieben. Sie fördert begabte, junge Menschen, die sich während ihres Studiums gesellschaftspolitisch oder gewerkschaftlich engagieren.

Mehr als nur Geld für gesellschaftliches Engagement
Die Hans-Böckler-Stiftung ist das zweitgrößte Begabtenförderungswerk in Deutschland – über 2.000 Stipendiat_innen lernen derzeit mit Unterstützung der HBS. Bei der Bewerbung zählen für die Stiftung aber nicht nur Zeugnisse und berufliche Erfolge. Gewerkschaftliches, gesellschaftspolitisches oder ehrenamtliches Engagement ist im Auswahlverfahren ebenso wichtig.

Entsprechend bedeutet ein Hans-Böckler-Stipendium mehr als rein finanzielle Unterstützung. Stipendiat_innen kommen auch in den Genuss einer attraktiven ideellen Förderung – durch Seminare, Netzwerke, Praktika, Exkursionen, eine persönliche Vertrauensperson und vieles mehr.

Freie Bahn für den Zweiten Bildungsweg
Insbesondere der "Zweite Bildungsweg" fördert die gesellschaftliche Chancengerechtigkeit, indem er der sozialen Auslese im ersten Bildungsweg etwas entgegensetzt. Ein guter Grund für die Hans-Böckler-Stiftung, sich hier zu engagieren – als einziges Begabtenförderungswerk.

Wer nach einer Berufsausbildung oder dreijährigen Berufstätigkeit beruflich aufsteigen, sich weiterbilden oder neu orientieren möchte, bekommt hier eine Chance. Die HBS gewährt elternunabhängiges BAföG, das Stipendium muss nicht zurückgezahlt werden. Stipendiat_innen können dadurch einen höheren allgemeinbildenden Schulabschluss an einem Abendgymnasium, einer Berufsoberschule oder an einem Kolleg erreichen.

Auswahlverfahren und Fristen
Alle Mitglieder einer im DGB zusammengeschlossenen Gewerkschaft können sich über das gewerkschaftliche Verfahren für ein Stipendium bewerben. Zusätzlich gibt es das "ergänzende Auswahlverfahren". Zur Bewerbung sind die erforderlichen Unterlagen bei der örtlichen Gewerkschaft einzureichen. Dabei sind allerdings unterschiedliche interne Regelungen der jeweiligen Einzelgewerkschaft zu beachten.

Bewerben können sich Schülerinnen und Schüler auf dem Weg ins Studium, Bachelor- und Masterstudierende sowie Promovierende. Ebenso gefördert werden alle, die sich auf dem Zweiten Bildungsweg weiterqualifizieren oder ohne Abitur studieren möchten.

Eine Förderung läuft in der Regel über drei Semester, eine Verlängerung ist möglich. Bewerbungsfrist für das Sommersemester des nächsten Jahres ist der 1. September. Für das kommende Wintersemester und auch für das Programm "Studieren ohne Abitur" gilt jeweils der 1. Februar als Stichtag.

Weitere Infos zu den Bewerbungsvoraussetzungen und Auswahlverfahren der einzelnen Förderungen gibt es als Broschüre der HBS und auf der Website der Stiftung.

05.11.2012

In der Warteschleife

  • Formular für einen Berufsausbildungsvertrag nach BBiG

In der Warteschleife

Eine Expertise des DGB deckt Mängel im Übergangssystem auf: 300.000 Jugendliche bleiben zwischen Schule und Ausbildung hängen.

Praktika absolvieren, Bewerbungstrainings machen, Schulstoff nachholen – so sieht der Alltag fast jedes dritten jungen Menschen aus, der eine berufliche Ausbildung starten will. Die Jugendlichen landen häufig in einer der zahlreichen Übergangsmaßnahmen zwischen Schule und Ausbildung. Eine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben sie allerdings kaum, denn diese Bildungsgänge vermitteln zwar berufliche Grundkenntnisse, jedoch keine anerkannten Berufsabschlüsse.

Nach einer aktuellen Expertise des DGB befanden sich Im Jahr 2011 rund 294.000 Jugendliche in einer solchen Maßnahme. Das heißt 28,4 Prozent der Neuzugänge im gesamten Berufsbildungssystem mündeten in diesen Teilbereich, der keinen qualifizierten Berufsabschluss bietet. Und dabei viel Geld kostet: Zurzeit belastet er die öffentlichen Haushalte mit rund 4,3 Milliarden Euro.

Betriebe haben die freie Wahl
Zwar steht formal allen Jugendlichen eine betriebliche Ausbildung offen – ganz unabhängig vom Schulabschluss. Auf dem realen Arbeitsmarkt aber entscheidet der Arbeitgeber über den Einstieg in das duale System. Aufgrund der Fülle von Bewerber_innen betreiben Personalabteilungen seit Jahren quasi eine „Bestenauslese“.

Die Folgen sind gravierend: 2,2 Millionen Menschen zwischen 20 bis 34 Jahren haben keinen Berufsabschluss. „Diese abgehängte Generation wird größte Schwierigkeiten haben, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Fast jede und jeder dritte Jugendliche im Übergangsbereich hat auch nach zwei Jahren noch keinen Ausbildungsplatz. Diese jungen Menschen sind von andauernder Ausbildungslosigkeit bedroht“, warnt Beate Mensch vom Bundesvorstand der ver.di.

Auswege aus der Situation
Nichts ist in Stein gemeißelt – es gibt gute Optionen, dem Problem effektiv zu begegnen:

  • Intensivere Berufsorientierung gewährleisten: Die individuelle Berufswegplanung muss fest in der Schule verankert werden.
  • Leistungs- und Beratungsangebot vor Ort bündeln: Sinnvoll sind Jugendberufsagenturen als zentrale Anlaufstelle, die Jugendliche umfassend informieren und ihnen Beratung aus einer Hand bieten.
  • Neue Strukturen für den Übergang schaffen: Jugendliche, die nur wegen mangelnder Angebote keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, sollten spätestens sechs Monate nach Beginn des Ausbildungsjahres einen Rechtsanspruch auf eine Ausbildung erhalten.
  • Einstellungsverhalten der Betriebe ändern: Die Abschottung vieler Ausbildungsberufe für Jugendliche mit niedrigeren Schulabschlüssen muss beendet werden. Ebenso ist der Ausbau ausbildungsbegleitender Hilfen notwendig.
  • Tarifverträge für die Ausbildung nutzen: Die Tarifparteien können sich für Jugendliche mit schlechten Startchancen einsetzen.
  • Betriebliche Ausbildung honorieren: Immer weniger Betriebe tragen Verantwortung für die Ausbildung. Branchenfonds zwischen den Tarifpartnern können hierbei einen fairen finanziellen Ausgleich zwischen ausbildenden und nichtausbildenden Betrieben schaffen.

Politik ist gefragt
Die große Anzahl junger Menschen im Übergangsbereich ist ein zentrales gesellschaftliches Problem. Viele von ihnen geraten in dauerhafte Schwierigkeiten bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz.

„Derartig schlechte Perspektiven können wir uns nicht leisten. Schon gar nicht vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des drohenden Fachkräftemangels“, warnt Beate Mensch. „Der Abbau der Warteschleifen im Übergangsbereich muss definitiv in die Mitte der Bildungspolitik rücken.

02.10.2012

Herbstzeit gleich Grippezeit

  • Junge Frau muss gerade heftig niesen

Was tun bei Krankheit in der Ausbildung?

Wer krank ist, legt sich am besten ins Bett. Eine Krankmeldung bei deinem Chef oder deiner Chefin bleibt aber nicht aus. Was du sonst noch alles zum Thema Krankheit beachten musst, erfährst du hier.

Nass-kaltes Wetter und hustende Kolleg_innen – die herannahende kalte Jahreszeit birgt für viele Menschen die Gefahr einer Erkältung oder Grippe. Die beste Medizin gegen Schnupfen, Husten und Fieber ist bekanntermaßen viel Schlaf und eine Auszeit in der guten Stube.

Damit du dich ohne negative Folgen auskurieren kannst, solltest du bei der Krankmeldung keine Fehler machen. Sonst drohen womöglich neben schmerzenden Gliedern auch eine gekürzte Vergütung, eine Abmahnung oder in schweren Fällen sogar eine fristlose Kündigung. Und das tut noch mehr weh.

Sofort Bescheid sagen
Am ersten Tag deiner Fehlzeit – und zwar noch vor Arbeitsbeginn – musst du deinem_r Ausbilder_in sofort telefonisch Bescheid geben. Zum Grund deiner Krankheit bist du zu keinen Angaben verpflichtet, allerdings dazu, wie lange du voraussichtlich fehlen wirst. Dein Arbeitgeber weiß dadurch, wie er deinen Ausfall am besten ausgleichen kann.

Deine Meldepflicht gilt auch, wenn du vom Betrieb am Tag deiner Krankheit für die Berufsschule oder für eine andere Ausbildungsmaßnahme freigestellt bist. In diesem Fall musst du dich zusätzlich auch in der Berufsschule bzw. bei deiner Ausbildungsmaßnahme krank melden. Hierzu reicht auch eine schriftliche Entschuldigung, die du sofort per Post abschickst.

Hast du dich ordnungsgemäß krank gemeldet, kannst du dich in Ruhe erholen. Wenn du dagegen die Krankmeldung versäumst, können dir deine Vorgesetzten eine Abmahnung erteilen und bei einer Wiederholung kann das sogar ein Kündigungsgrund sein.

Attest vorlegen
Falls du es mit deinem_r Ausbilder_in so vereinbart hast, kann dein Betrieb bereits ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest von dir verlangen. Ansonsten muss du laut §5 Entgeltfortzahlungsgesetz spätestens ab drei Kalendertagen Krankheit am darauffolgenden Arbeitstag ein Attest vorlegen.

In jedem Fall solltest du sofort einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen, da ein Attest in der Regel nicht rückwirkend ausgestellt werden kann. Wenn du also womöglich am dritten Tag wirklich „flach liegst“ und es nicht mal mehr bis zur Arztpraxis schaffst, bekommst du Probleme, falls du dir dann noch kein Attest besorgt hast. Bist du länger krank als angegeben, musst du dir außerdem ein Folgeattest ausstellen lassen.

Vergütung während der Krankheit
Der Lohn wird während der Krankheit und bis zur sechsten Woche der Krankheit weiterhin gezahlt. Wer länger ausfällt, bekommt von der Krankenkasse bis zu 78 Wochen lang ein Krankengeld.

Arzttermine
Nicht wirklich dringende Arzttermine solltest du möglichst immer in deiner Freizeit vereinbaren und nur im Notfall während der Arbeitszeiten. In so einem Notfall musst du dich in der Personalabteilung abmelden und solltest auch eine Bescheinigung über den Arztbesuch vorlegen.

Schnell gesund werden
Leichter gesagt als getan – aber du hast tatsächlich die Pflicht, möglichst schnell arbeitsfähig und gesund zu werden! Dazu gehört vor allem, dass du dich an alle ärztlichen Anweisungen hältst. Es kann allerdings auch bedeuten, dass du mit gebrochenem Arm zwar arbeitsunfähig bist, aber trotzdem ins Kino gehen darfst!

11.09.2012

Ausbildungsreport 2012

  • Grafische Darstellung zur Übernahme-Situation

Geltendes Recht in Betrieben einfordern

Nicht einmal jedes vierte Unternehmen bildet aus und vielen Betrieben mangelt es an der nötigen Ausbildungsreife, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Auch an Berufsschulen lässt die Qualität noch erheblich zu wünschen übrig. Zu diesen Ergebnissen kommt der diesjährige Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

„Der siebte Ausbildungsreport legt wieder offen, dass die Ausbildungssituation in Deutschland prekär bleibt. Auszubildende berichten von den gleichen Problemen. Es hat sich kaum etwas getan“, kommentiert Ringo Bischoff, ver.di Bundesjugendsekretär, die Veröffentlichung des Ausbildungsreports 2012 am Dienstag in Berlin.

Nur die Hälfte empfindet die Qualität der Berufsschulen als „gut“ oder „sehr gut“
Das Sonderthema der diesjährigen Befragung war die Qualität der Berufsschulen. Zwar bewertet eine knappe Mehrheit der befragten Auszubildenden die fachliche Qualität der Berufsschulen als „gut“ oder „sehr gut“ – was eine Verschlechterung zum Vorjahr von fünf Prozent bedeutet. Mehr als ein Viertel bezeichnet die Unterrichtsqualität als „befriedigend“, immerhin 14,6 Prozent bewerten sie sogar nur als „ausreichend“ bis „mangelhaft“. Die Zufriedenheit unter den Auszubildenden steigt bei kleineren Klassen und zeitgemäßerer Ausstattung mit Unterrichtsmaterial, Schulbüchern und technischen Geräten an den Berufsschulen.

Die rote Laterne bleibt beim Hotel- und Gaststättengewerbe
Wenige Veränderungen gab es im Ranking der 25 häufigsten Ausbildungsberufe. Die besten Beurteilungen zur Ausbildungsqualität gab es erneut von angehenden Bank- und Industriekaufleuten sowie Mechatroniker_innen. Auf den letzten drei Rängen sind wie im Vorjahr die Ausbildungsgänge für Fachverkäufer_innen im Lebensmittelhandwerk, Restaurant- und Hotelfachleute. Die rote Laterne behält damit das Hotel- und Gaststättengewerbe.

Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten und fachliche Betreuung
Der Anteil von Auszubildenden, die regelmäßig Überstunden leisten müssen, ist gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgegangen. Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben erhält fast jede_r Fünfte weder einen Freizeitausgleich noch eine entsprechende Vergütung der geleisteten Überstunden. Fast jede_r zehnte Auszubildende muss nach eigenen Angaben auch ausbildungsfremde Tätigkeiten erledigen – ein leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Zudem gibt es weiterhin Defizite bei der Betreuung durch eine_n Ausbilder_in.

Schlechtere Bedingungen in weiblich dominierten Berufen
Nach wie vor gibt es auffällige, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Ausbildung. Noch immer entscheiden sich Frauen und Männer für unterschiedliche Ausbildungen, was zu deutlich männlich bzw. weiblich dominierten Berufsbildern führt. Zu den typischen „Männerberufen“ gehören unter anderem Metallbauer und Anlagenmechaniker. Frauen entscheiden sich häufiger als Männer für eine Ausbildung zur Friseurin oder Medizinischen Fachangestellten. Das hat Folgen für die Vergütung: Frauen erhalten in den von ihnen bevorzugten Berufen weniger Geld als männliche Auszubildende. Auszubildende in weiblich bzw. männlich dominierten Berufen näherten sich lediglich in der Anzahl zu leistender Überstunden an. In „Männerbrufen“ erhalten jedoch 75 Prozent der Azubis einen Freizeitausgleich oder eine entsprechende Vergütung, bei „Frauenberufen“ sind es lediglich 60 Prozent.

Übernahme häufig ungeklärt
Sehr problematisch für Auszubildende ist die oft ungeklärte Übernahmesituation. Zum Zeitpunkt der Befragung wusste ein gutes Viertel der Befragten, dass sie übernommen werden, knapp jeder Zehnte hatte bereits eine Absage. Die Mehrheit von fast zwei Dritteln wusste noch nicht, wie es nach der Ausbildung weitergeht.

„Die Ergebnisse zeigen, dass Schulen und Betriebe mehr auf ihre Ausbildungsqualität achten müssen. Auch sie stehen in der Verantwortung, jungen Menschen im erlernten Beruf eine Perspektive für die Lebensplanung zu sichern. Die Rhetorik des Fachkräftemangels passt dazu nicht“, so Ringo Bischoff.

31.08.2012

Ausbildungsplätze: Positiver Trend, aber keine Entwarnung

  • Zwei Füße, davor der Schriftzug 1 x aussetzen

Die Gewerkschaftsjugend fordert weiterhin mehr Ausbildungsplätze und bessere Ausbildungsqualität

Die Wirtschaft klagt, die Betriebe fänden keine Auszubildenden mehr. Die Zahlen der Bundesagentur zeigen dagegen weiterhin einen Ausbildungsplatzmangel. Den 541.581 Bewerber_innen stehen 2012 nur 477.624 berufliche Ausbildungsplätze gegenüber. Das sind zwar 0,6 Prozent mehr als im vergangenen Jahr, allerdings stieg auch die Anzahl der Ausbildungsplatzsuchenden um 3,3 Prozent.

Die Entwicklung stellt zwar bundesweit eine leichte Verbesserung dar, dennoch besteht nach wie vor eine Differenz zwischen der Anzahl der Bewerber_innen und denen der Ausbildungsplätze. Noch immer suchen deutschlandweit 146.939 junge Menschen einen Ausbildungsplatz. Dem gegenüber stehen 101.100 unbesetzte Ausbildungsstellen. „Die Klagen der Wirtschaft über den angeblichen Fachkräftemangel grenzen an Heuchelei. Die Betriebe sollten endlich ihre Hausaufgaben machen. Wer tatsächlich keine Auszubildenden findet, sollte die Ausbildungsbedingungen verbessern. An zu wenigen jungen Menschen, die eine berufliche Qualifikation anstreben, liegt es jedenfalls nicht“, so Ringo Bischoff, ver.di-Bundesjugendsekretär.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zählt 56.079 Bewerber_innen als „versorgt“ (und bezeichnet diese als „Bewerber_innen mit Alternative“), obwohl sie ausdrücklich weiterhin einen Ausbildungsplatz suchen. Allein für die registrierten Bewerber_innen fehlen 45.839 Ausbildungsstellen. Immer noch werden viele junge Menschen in Maßnahmen des sogenannten „Übergangssystems“ vermittelt – 294.294 im Jahr 2011 – obwohl die meisten von ihnen nur einen Ausbildungsplatz und keine Übergangsmaßnahme benötigen. Und noch immer haben 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29 keinen qualifizierenden Berufsabschluss – das sind 17 Prozent dieser Altersgruppe.

Grundsätzlich muss man sagen, dass die Ausbildungsplatzzahlen zum momentanen Zeitpunkt nur eine eingeschränkte Aussagekraft besitzen. Wie sich die Lage am Ausbildungsstellenmarkt über das Jahr 2012 tatsächlich entwickelt, wird man erst am Ende des Berufsberatungsjahres einschätzen können. Die bisher veröffentlichten Zahlen der BA liefern daher allenfalls erste grobe Anhaltspunkte.

08.08.2012

Die Ausbildungssituation im Juli 2012

  • Statistik zur Ausbildungssituation im Juli 2012

Leichte Verbesserungen - bei anhaltenden Problemen

Im Juli veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit (BA) erneut Zahlen zum Ausbildungssektor und damit zum fünften Mal in 2012. Welche Entwicklungen lassen sich ablesen?

Bis zum 20. Juli diesen Jahres haben insgesamt 518.415 junge Menschen bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz die Bundesagentur für Arbeit (BA) eingeschaltet. Das sind 17.927 oder 3,6 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Alles gut also? Ein näherer Blick verrät, dass die bekannten Probleme im Ausbildungssektor andauern.

Mehr Bewerber_innen als Ausbildungsplätze?
Wie sich das Ausbildungsstellenangebot über das gesamte Berufsberatungsjahr hinweg tatsächlich entwickelt, lässt sich erst Ende 2012 genauer sagen. Die bisher veröffentlichten Zahlen der BA liefern aber erste grobe Anhaltspunkte. So standen den rund 500.000 Bewerber_innen im Juli 480.503 Ausbildungsplätze gegenüber (davon 467.035 betriebliche Ausbildungsplätze). Das sind vier Prozent mehr als im vergangenen Jahr – grundsätzlich eine erfreuliche Entwicklung. Dennoch gibt es bundesweit nach wie vor mehr Bewerber_innen als Ausbildungsplätze. Immer noch suchen deutschlandweit 189.994 junge Menschen einen Ausbildungsplatz. Und das bei 143.783 unbesetzten Ausbildungsstellen. Zudem zählt die BA 47.638 Bewerber_innen als versorgt (in der BA die „Bewerber mit Alternative"), obwohl sie ausdrücklich weiterhin einen Ausbildungsplatz suchen.

Warteschleife Maßnahme
Immer noch werden viele junge Menschen in Maßnahmen des so genannten „Übergangssystems“ vermittelt – 294.294 im Jahr 2011 – obwohl die meisten von ihnen nur einen Ausbildungsplatz und keine Maßnahmen benötigen. Und noch immer haben 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29 keinen qualifizierenden Berufsabschluss – das sind 17 Prozent dieser Altersgruppe.

Die regionale Ausbildungssituation im Juli 2012
In den ostdeutschen Bundesländern stehen aktuell 83.531 Bewerber_innen 79.969 Ausbildungsstellen (76.805 betrieblichen) gegenüber. Die Zahl der Bewerber_innen ist im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,3 Prozent gestiegen und die Ausbildungsplätze haben um 2,1 Prozent zugenommen. In den alten Bundesländern liegen diese Verhältnisse bei 434.681 Bewerber_innen zu 400.142 Ausbildungsplätzen (389.838 betriebliche). Das sind 4,4 Prozent Ausbildungstellen und 3,8 Prozent Bewerber_innen mehr als im Vorjahresmonat.

Situation im Ausbildungssektor weiterhin angespannt
Die Zahlen verdeutlichen erneut die nach wie vor angespannte Situation im Ausbildungssektor. Ringo Bischof, ver.di-Bundesjugendsekretär kommentiert die aktuellen Entwicklungen: „Angesichts dieser Zahlen wird die Klage vieler deutscher Unternehmen über einen Mangel an geeignetem Nachwuchs unverständlich. Wir haben genügend motivierte junge Menschen in diesem Land, die ausgebildet werden wollen. Sie verdienen eine faire Chance.“

Die DGB Jugend kommentiert regelmäßig die aktuellen Ausbildungszahlen.

26.07.2012

DGB-Index Junge Beschäftigte 2012

  • Grafik zur Beurteilung der psychischen Belastungen

Ein Recht auf gute Arbeit!

Viele Überstunden, schlechte Bezahlung, unsichere Beschäftigung, steigender Arbeitsdruck – viele junge Beschäftigte unter 35 leiden unter den Belastungen der heutigen Arbeitswelt. Zu diesem Ergebnis kommt die repräsentative Sonderauswertung des Deutschen Gewerkschaftsbundes "Index Gute Arbeit" zur Situation der jungen Beschäftigten.

„Die Rede von der Fachkräftesicherung verliert angesichts dieser Ergebnisse ihre Glaubwürdigkeit. Jungen Beschäftigten wird der Berufseinstieg weiterhin schwer gemacht", kommentierte Ringo Bischoff, ver.di-Bundesjugendsekretär, die Ergebnisse der repräsentativen Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit zur Situation der jungen Beschäftigten unter 35. Viele junge Beschäftigte seien gemäß der Studie einem erheblichen Druck ausgesetzt mit den entsprechenden Folgen für ihre Gesundheit. Gefragt wurde in der Studie unter anderem nach der Einkommenssituation und den Arbeitszeiten, der Arbeitsintensität und den psychischen wie physischen Belastungen.

Unzufriedenheit mit dem Einkommen
Viele junge Beschäftigte sind mit ihrer Einkommenssituation unzufrieden. 47 Prozent, also fast die Hälfte, beurteilt sie als negativ, das gilt vor allem für die prekär Beschäftigten. Fast jede_r Vierte bezieht ein niedriges Einkommen unter 1.500 Euro im Monat, jede_r Sechste gar unter 800 Euro. Lediglich die Hälfte der Befragten ist unbefristet beschäftigt und verdient mehr als 1.500 Euro im Monat, etwa ein Drittel (37 Prozent) mehr als 2.000 Euro. Ingrid Sehrbrock, stellvertretende DGB-Vorsitzende, forderte deshalb bei der Vorstellung der Sonderauswertung in Berlin Tariflöhne und den gesetzlichen Mindestlohn. „Tariflöhne sind auch für junge Beschäftigte immer noch die beste Lösung. Sie bleiben das wirkungsvollste Instrument, um Dumpinglöhne und Ausbeutung zu verhindern. Darüber hinaus brauchen wir endlich den gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro."

Kaum Planungssicherheit
Von Planungssicherheit kann bei vielen der Befragten keine Rede sein. Etwa ein Fünftel (21 Prozent) ist befristet beschäftigt, jede_r Zehnte arbeitet in der Leiharbeit (vier Prozent) oder als Minijobber_in (sieben Prozent). Die Ausbreitung der Minijobs ist vor allem ein Problem für junge Frauen: Jede Zehnte hat einen Minijob, bei den Männern sind es vier Prozent. „Gerade prekär Beschäftigte haben mangels verlässlicher Perspektiven in einer wichtigen Lebensphase keine Wahl, in der wichtige persönliche Entscheidungen anstehen, zum Beispiel Familiengründung oder Altersvorsorge", sagte Ingrid Sehrbrock.

Gehetzt und gestresst
Die Beschleunigung und Intensivierung der Arbeit hinterlässt auch bei den jungen Beschäftigten Spuren. Gut jede_r zweite junge Beschäftigte (56 Prozent) hat den Eindruck, dass in den letzten Jahren immer mehr in der gleichen Zeit geschafft werden muss. Besonders Frauen machen diese Erfahrung, hier sind es 61 Prozent gegenüber 52 Prozent bei den Männern. Ringo Bischoff, ver.di-Bundesjugendsekretär, warnte: „Wir müssen diese Tatsachen ernst nehmen. Anhaltende Überlastungen im Arbeitsalltag schlagen auch schon bei jungen Beschäftigten in chronische Erschöpfungszustände um. Burnout als neue Volkskrankheit schließt leider junge Beschäftigte nicht mehr aus."

Viele Überstunden
Dazu tragen auch viele Überstunden bei. Sie sind für viele junge Beschäftigte nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Mehr als zwei Drittel der Befragten (70 Prozent) gaben an, regelmäßig Überstunden zu leisten. 41 Prozent leisten mehr als fünf Überstunden die Woche, für jede_n Fünften (19 Prozent) sind es sogar regelmäßig mehr als zehn Stunden.

Arbeit und Freizeit verschwimmen
Der Trend, seine Arbeit mental mit nach Hause zu nehmen, ist auch bei den jungen Beschäftigten zu beobachten. Etwa jede_r Dritte (34 Prozent) gibt an, auch zu Hause an Schwierigkeiten bei der Arbeit denken zu müssen. Mehr als ein Viertel der Beschäftigten (28 Prozent) fällt es schwer, nach der Arbeit abzuschalten. Für 16 Prozent der Befragten gilt dies sogar im Urlaub. Und jede_r Siebte (14 Prozent) erledigt "sehr häufig" oder "oft" in der Freizeit Aufgaben für den Betrieb.

Krank zur Arbeit
Viele Beschäftigte gehen zur Arbeit, obwohl sie aus gesundheitlichen Gründen zu Hause bleiben müssten. Insgesamt gaben 70 Prozent der Befragten an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal krank zu Arbeit gegangen sind, jede_r Zweite (48 Prozent) hat dies sogar zwei oder mehrere Male getan.

Nachhaltiges Gesundheitsmanagement am Arbeitsplatz
Die ver.di Jugend fordert mehr Beratung, Information und ein durchdachtes Gesundheitsmanagement in den Betrieben. Die Unternehmen sollten hierfür auf die Kompetenz der Betriebs- und Personalräte zurückgreifen, die die Belastungen ihrer Kolleginnen und Kollegen sehr gut kennen. Die ver.di Jugend will angesichts dieser Ergebnisse in ihrer betrieblichen Arbeit deshalb die Unternehmen noch stärker in die Pflicht nehmen.

Bei den Themen Gesundheitsschutz und Arbeitszeit genauso wie beim Thema Übernahme. „Für uns steht fest: Junge Menschen brauchen zum Berufseinstieg eine klare Perspektive. Ausbildung und Übernahme gehören für uns deshalb zusammen“, so die Forderung des ver.di-Bundesjugendsekretärs.

Der DGB hat zum vierten Mal eine repräsentative Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit zur Situation der jungen Beschäftigten unter 35 vorgenommen. Das Umfragezentrum Bonn (uzbonn) hat im Auftrag des DGB insgesamt 6.083 abhängig Beschäftigte aus allen Branchen, Regionen und Betriebsgrößen zu ihren Arbeitsbedingungen befragt, davon waren 1.238 unter 35 Jahre alt. Fachlich begleitet wurde die Studie vom Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie (INIFES).

 

17.07.2012

Bundesfreiwilligendienst

  • Junge Frau betreut ein Kind

Eine kritische Bilanz

Seit der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) vor gut einem Jahr ist das Interesse ungehalten groß. Die ver.di Jugend sieht den BFD weiterhin kritisch. Freiwilligendienste dürfen nicht in Konkurrenz mit regulärer Beschäftigung stehen.

Vor einem guten Jahr wurde der Wehrdienst abgeschafft und mit ihm der Zivildienst. Um die personelle Lücke in den Sozialverbänden und gemeinnützigen Einrichtungen zu schließen, führte die Bundesregierung kurzerhand den „Bundesfreiwilligendienst“ ein. 35.000 Stellen förderte der Bund durch Zuschüsse seitdem. Doch die Nachfrage ist weit größer als das Angebot. Sozialverbände klagen darüber, dass sie doppelt so viele Freiwillige einstellen können, wenn die Bundesregierung die Fördergelder aufstocken würde.

Auch wenn das erst einmal nicht passieren wird, so gilt der Bundesfreiwilligendienst als voller Erfolg. Niemand hätte erwartet, dass sich so viele Menschen für diesen Dienst interessieren.

Die neuen „Bufdis“ – Ehrenamt in Vollzeit?
„Bufdis“ als recht unglückliche Wortkreation nennt man vielerorts die neuen Bundesfreiwilligendienstler_innen. Praktisch alle sollen die Möglichkeit haben, ein BFD zu leisten. Allein die Vollschulzeitpflicht muss erfüllt sein. Der Dienst kann zwischen 6 und 24 Monaten geleistet werden, die Regel ist ein Jahr. Der BFD ist grundsätzlich vergleichbar mit einer Vollzeitbeschäftigung. Sofern die Freiwilligen älter als 27 Jahre sind, ist auch ein BFD in Teilzeit von mindestens 20 Wochenstunden möglich. Maximal 336 Euro bekommen Bufdis, manchmal auch die Unterkunft und Verpflegung gestellt. Den Dienst können Freiwillige im sozialen, ökologischen, kulturellen oder sportlichen Bereich und in der Integrationsarbeit leisten.

Quer durch alle Schichten
Menschen mit Behinderung betreuen, Kindern Fußball beibringen, einen Wald aufforsten - das machen jetzt nicht mehr nur junge Männer wie beim Zivildienst. Auch wenn das Interesse weiterhin unter jungen Menschen am größten ist, drängen auch Hausfrauen, Arbeitslose, Rentner_innen und Hartz-IV-Empfänger_innen in den BFD. Während in Westdeutschland laut Zeit.Online 80 Prozent jünger als 27 Jahre alt ist, sind in Ostdeutschland 70 Prozent älter.

Reguläre Beschäftigung statt Freiwilligendienst
„Wir wollen das aufrichtige Interesse an dem Bundesfreiwilligendienst nicht in Abrede gestellt“, sagt Ringo Bischoff, ver.di-Bundesjugendsekretär, „dennoch bleiben wir dem Dienst gegenüber kritisch. Die Schaffung eines solchen Dienstverhältnisses mit geringer Bezahlung und verminderten Arbeitnehmerrechten verschärft die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und verhindert reguläre Beschäftigungsverhältnisse.“

Man müsse schon ganz genau hinsehen, wo Gemeinnützigkeit aufhöre und unlauterer Wettbewerb anfange, meinte Bischoff weiter. Wenn der Freiwilligendienst sozialversicherungspflichtige, tarifvertraglich geregelte Beschäftigung ersetzte, handele es sich mehr um Lohndumping als um ein gelungenes engagementpolitisches Projekt.

Das gilt gerade für junge Menschen, deren Berufseinstieg ohnehin schwierig verläuft. Jeder Dritte unter 35 Jahren ist mittlerweile prekär beschäftigt. Einen Freiwilligendienst sollten junge Menschen nicht aus Alternativlosigkeit auf dem Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt antreten. Ohnehin bestehen bereits für das freiwillige Engagement junger Menschen mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), dem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) und den freiwilligen Auslandsdiensten genügend Möglichkeiten zur Verfügung.

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